Corona Krise als Chance 1

von Prof. Dr. Lothar Schaeffner

In der Krise etwas bewirken lernen

Wer sich mit der Entwicklung von Organisationen befasst, ob als bloßer Beobachter oder als aktiv gestaltender Macher, kennt die 3 Phasen von Kurt Lewin zur Organisationsentwicklung.

Unfreeze, move und refreeze, also auftauen, bewegen und wieder stabilisieren.

Die erste Phase ist besonders wichtig, weil hier schon früh grundlegende Fehler gemacht werden können, die jede noch so gut gemeinte Veränderungsidee zum Scheitern verurteilen. Verändern stellt grundsätzlich den Gegenpol zum Bewahren dar. Dabei ist der eine absolut gesehen nicht der gute und der andere der böse, auch wenn sich die Veränderer das ihrer Meinung nach positive Etikett der Innovation anheften und die Bewahrer mit dem der ewig Gestrigen abstempeln. Beide Pole sind, so das Gebot, in Balance zu halten. Die Bewahrer sind notwendig, damit uns die Gegenwart nicht aus den Fugen gerät und sich in Hirngespinste auflöst. Die Veränderer sind unverzichtbar, wenn die äußeren Bedingungen nach einem anderen Denken und vor allem auch Handeln schreien. Und man kann nicht nur aus Erfahrungen, sondern auch psychologisch begründbar feststellen, dass gerade Situationen, die geradezu nach Veränderung schreien, so viele Ängste hervorrufen, dass sich die Menschen verzweifelt am Bestehenden festklammern. Es ist ein Effekt, um es in einem Bild zu verdeutlichen, den Skifahrer kennen. Am steilen Hang, wo es erforderlich ist, sein Gewicht auf den Ski zu verlagern, der in Richtung Abgrund zeigt, neigen wir uns eher in die andere Richtung nach oben und klammern uns am Berg fest. Aber gerade dadurch wächst die Gefahr, abzurutschen.

Werden z.B. Unternehmen für Veränderungsprojekte in professionelle Organisationsentwickler zur Hilfe geholt, ist es wichtig, vor allem in dieser ersten Phase Persönlichkeiten einzubinden, die über die Fähigkeit verfügen, mit einem großen „Bunsenbrenner“ den vereisten Unternehmensgesteinsblock von unten aufzutauen, damit man ihn vorsichtig bewegen kann. Es sind in der Regel Menschen, die über eine hohe Überzeugungskraft verfügen, denn Gewalt alleine – oder nennen wir sie Macht und hierarchische Stellung – genügt nicht. Wenn der Unternehmensblock, der aus einer Vielzahl von Menschen mit ihrem individuellen Verhalten besteht, nicht hinreichend aufgetaut ist, bevor er bewegt wird, entstehen zwangsläufig Risse, die so groß werden können, dass der gesamte Block auseinanderbricht.

Die Corona Krise schafft nun eine Situation, in der wir keine Veranstaltungen mehr brauchen, in der etwas künstlich aufgetaut werden muss. Die Krise hat ein gewaltiges riesiges Feuer unter unserer Gesellschaft entzündet, das diese in Bewegung setzt; die Hitze ist sogar so stark, dass das Ganze ins Schwimmen gerät oder sich sogar aufzulösen droht. Darin steckt nun eine gewaltige Gefahr, aber auch eine mindestens ebenso gewaltige Chance, Veränderungen zu gestalten, die weit über kosmetische Korrekturen hinausreicht. In welche Richtung dies gehen soll, wird an dieser Stelle nicht weiter diskutiert.

Ich beschränke mich zunächst einmal auf das individuelle Verhalten der Menschen, in dem sich letztendlich Veränderung festmacht. Dies betrifft das Agieren der Menschen in allen Lebensbereichen und in konkreten Alltagssituationen, wie z.B. gegenwärtig das empfohlene Abstandhalten, die Einschränkung der individuellen Mobilität, die Hilfen für die besonders gefährdete Zielgruppe der Älteren und Vorerkrankten. Erst, wenn dies alles tatsächlich „funktioniert“ können konzipierte Maßnahmen wirken.

Allerdings müssen diese Maßnahmen in einem

  • ersten Schritt zunächst konzeptionell entwickelt werden,
  • in einem zweiten Schritt die Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass diese überhaupt greifen können und
  • in einem dritten Schritt den Menschen so vermittelt werden, dass diese bereit sind, diese auch konkret umzusetzen

Ansonsten bleiben nur noch Zwangsmaßnahmen, deren Wirkung man allerdings nicht überschätzen darf, da die Menschen, wenn sie nicht von der Notwendigkeit überzeugt sind, mit einen Erfindergeist und manchmal auch mit einer gewissen Lust, Schleichwege ersinnen, mit denen sie Regeln und Sanktionen umgehen können.

Wenn wir unser Augenmerk auf die von uns vorgeschlagenen drei Schritte richten, sehen wir dahinter ein enormes Potenzial für Menschen, die etwas bewirken wollen. Etwas in einem sozialen Kontext zu bewirken, wiederum ist die Quelle von Einfluss. Und eine Krise schließlich ist die Situation, in der das Bedürfnis, wirksam zu sein, besonders „leicht“, weil erwünscht, verwirklicht werden kann. Wir sind davon überzeugt, dass gerade Krisen Persönlichkeiten hervorbringen, die über die konkrete Krisensituation hinaus enormem Einfluss behalten. Helmut Schmidt lässt grüßen.

Uns bietet die gegenwärtige Krise – trotz der leidvollen Einschränkungen, die wir selbst erfahren – die Gelegenheit, unser Coaching Konzept zu überprüfen und auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen zu konkretisieren. An diesem Vorhaben, möchten wir Sie teilhaben lassen und dies in Reihe von weiteren Beiträgen in diesem Blog, die Sie sukzessive verfolgen können.